Del Curto: «Nur über meine Leiche»

Die Play-offs nahen, einmal mehr ist der HC Davos drauf und dran, sich eine gute Ausgangslage zu sichern. Trainer Arno Del Curto äussert sich über Training, Abgänge, «alte» Spieler und seine Vision über nachhaltige Entwicklung.

Mit Arno Del Curto sprach Kristian Kapp

Arno Del Curto, Ihre Mannschaft ist so gut ins Jahr gestartet wie selten zuvor: Vier von fünf Spielen hat der HC Davos nach dem Spengler Cup gewonnen.

Arno Del Curto: Das liegt daran, dass wir nicht so ein strenges Programm wie sonst üblich hatten. Wir hatten zweimal eine Woche Pause zwischen einer Doppelrunde. Es ist der Beweis dafür, was ich schon seit Jahren sage: Es braucht die Erholung.

Wirklich erholt wirkte die Mannschaft aber erst letzten Samstag in Lugano.

Es geht nicht nur um unsere Müdigkeit. Die ist nicht so riesig, dass sie unüberwindbar wäre. Es geht darum, dass die Gegner frisch sind. Und das gleicht sich dann halt mit der Zeit aus.

Die Play-offs scheinen nahe und doch so weit: Zehn Spiele und sechs Wochen dauerts noch. Wo steht Ihr Team?

Wir stecken schon mitten in der Vorbereitung auf die Play-offs. Diese Woche gabs ein kleines «Trainingslager» mit vielen Schwerpunkten: Schnellkraft, Ausdauer, Sprungschule neben dem Eis und Technik, Taktik und Spielformen auf dem Eis.

Das Powerplay …

… trainieren wir im Detail immer erst ab Februar. Immerhin wirken wir zumindest gefährlich im Überzahlspiel. Das reicht mir für den Moment.

Nach der Siegesserie zuletzt winkt Davos Platz 1 nach der Qualifikation.

Der interessiert mich nicht so sehr. Der Heimvorteil in der ersten Runde, also ein Platz in den Top 4, wäre schön. Ich sehe diese Saison aber keine einfache Konstellation. Es könnte durchaus sein, dass die ersten vier Teams von jenen auf den Rängen 5 bis 8 eliminiert werden. Weder Lugano, die ZSC Lions, Biel oder Genf wären einfache Gegner.

Die Anzahl der Verletzten in Davos ist tiefer als auch schon.

Diese Saison ist dennoch schlimmer als die letzte. Damals hatten wir zwar für eine kürzere Periode gleichzeitig mehr Verletzte. Aber dieses Mal zieht es sich durch das ganze Jahr.

Aktuell fehlen mit Sandro Rizzi und Janick Steinmann wieder zwei Ihrer vier Stammcenter, also Spieler auf der vielleicht wichtigsten Position. Hat das einen Einfluss auf die Suche nach einem fünften Ausländer für die Play-offs?

Ja, das kann es haben. Ein Center wäre gut. Wenn ich aber einen Top-Flügel bekomme, nehme ich auch den. Dann könnte ich zum Beispiel Petr Taticek wieder als Center spielen lassen.

Das machen Sie aber nicht gerne. Die erste Linie um Center Reto von Arx mit Taticek und Petr Sykora scheint gesetzt.

Das stimmt. Aber eben, wenn ich einen Top-Flügel bekomme, dann könnte ich das dennoch machen.

Apropos fünfter Ausländer. Gibts Pläne, nächste Saison von Anfang an einen zu haben? Mit den neuen TV-Verträgen dürften wegen der Spengler-Cup-Abgaben an die anderen Teams dem HCD rund eine dreiviertel Million Schweizer Franken in der «Kriegskasse» fehlen.

Dieses Thema ist im Moment völlig offen und eilt nicht. Darum steht diese Frage auch nicht im Raum.

Der Slowake Peter Sejna ist der einzige der aktuellen Ausländer, dessen Zukunft beim HCD offen ist. Bleibt er?

Auch das ist offen. Er will bleiben, es sind aber noch Details zu klären.

Ein weiterer offener Punkt ist Mathias Joggi. Der Stürmer spielt momentan als Verteidiger. Wo stehen Sie mit Joggi?

Er hat sich eine kleine Bedenkzeit gewünscht. Er prüft, ob er nächste Saison in Nordamerika spielen könnte. Das wäre ein grosser Traum von ihm.

Und falls er in der Schweiz bleibt? Ist er nach wie vor ein Thema für die HCD-Abwehr der nächsten Saison?

Ja, das ist er. Er ist gross und kräftig, kann den Puck gut abdecken und den ersten Pass aus dem Stand spielen. Und hinten passiert bei seinen Checks weniger. Wenn der Gegner abdreht, kann er noch reagieren und ihn «abklemmen» statt checken. Wobei ich ganz klar festhalten muss: Zweimal war er wegen seinen Checks angeklagt und wurde zu fest an den Pranger gestellt. Er hatte beide Male die Ellbogen unten. Das war beide Male nichts Kriminelles. Die Vorfälle haben ihn aber zurückgebunden. Wenn dein Name einmal notiert ist, fängst du an zu studieren und veränderst dein Spiel.

Signalisiert er die Bereitschaft, in Zukunft als Verteidiger statt als Stürmer zu spielen?

Ja, er nimmt das positiv auf. Er erhielt als Verteidiger zuletzt ja viel Eiszeit und hatte Spass daran. In den letzten beiden Spielen traute er sich auch im Spiel nach vorne etwas zu.

Wird seine Weiterverpflichtung am Ende ein finanzielles Problem?

Das glaube ich nicht. Das darf es auch nicht mehr werden. Uns verlassen seit Jahren reihenweise gute Spieler – so wie Ende Saison Lukas Stoop, dessen Abgang ich sehr schade finde. Jahrelang habe ich nichts gesagt, dass wir meistens nur Spieler abgeben. Doch jetzt sage ich etwas. Ich will in Davos etwas entwickeln. Und diese «Entwicklung» soll diesen Namen verdienen. Das geht nicht, wenn immer wieder bestandene Spieler gehen.

Zuletzt hat es dennoch gut geklappt. Kein anderes Team spielt so regelmässig direkt um den Titel wie Davos.

Das ist eine sehr gefährliche Denkweise. Wenn man glaubt, es sei normal, auf diese Weise vorne mitspielen zu können, kann man ganz böse abstürzen. Innerhalb von gut zwei Monaten kann so etwas komplett in die andere Richtung gehen. Eine Mannschaft, die 60 Punkte auf dem Konto hat, spielt anders als eine mit 40. Junge Spieler brauchen Zeit für Entwicklung. Es ist nicht normal, vorne so mitzuspielen und hat auch nichts mit Entwicklung zu tun.

Was verstehen Sie unter «Entwicklung»?

Ich möchte sie als grosses Ganzes sehen. Eine Art «Makro-Ideologie». Das hat nichts damit zu tun, ob man defensiv oder offensiv oder wie auch immer spielen will. Es geht um die Entwicklung des Spiels mit und ohne Scheibe, Tempowechsel, verschiedene Schusstechniken, Tempo nach der Scheibenannahme, Kompaktheit mit und ohne Scheibe und so weiter. Und all das geht man dann an in den Bereichen Führung, Technik, System, Kondition und Mentales. All das soll systematisch entwickelt werden. Das geht aber nicht, wenn bestandene Spieler immer wieder gehen.

Wo stehen Sie in dieser Entwicklung?

Wir sind bereits diese Saison daran und zeigen im Training ansatzweise gute Sachen. Im Match selber ist es aber noch etwas zwischen Guggenmusik und Symphonie. Nichts gegen Guggenmusik übrigens, auch die kann schön sein! Es ist schwierig und wir sind noch weit weg von unseren Zielen. Ich sehe auch solche, an denen du mehrere Jahre arbeiten musst. Aber das macht nichts. Das ist der Grund, warum ich auch nach 16 Jahren mit der gleichen Mannschaft motiviert bin. Es gibt so viele Ziele zu erreichen – Ziele, die noch ganz weit weg sind. Es ist schwierig, dies kurz in einem Interview darzulegen. Da ist natürlich noch viel mehr Fleisch am Knochen.

Geben Sie ein Beispiel.

Nehmen wir Reto von Arx. Es ist offensichtlich, dass er seinen Sport als «Frei-Hockey», also draussen auf dem Eis mit und ohne Banden gelernt hat. Seine Spieltechnik, seine läuferischen Fähigkeiten und seine Körpertechnik, also die Bewegungen und Täuschungen, sind absolut top. Aber: Weil er früher eben «Frei-Hockey» gelernt hat, liebt er es, den Puck zu haben und ihn zu halten – manchmal etwas zu lange. Das ist kein Vorwurf, das ist einfach so und normal, wenn du das Eishockey so gelernt hast. Reto ist aber auch so geworden, weil er im HCD immer Verantwortung übernommen hat, wenn es einmal nicht lief. Jetzt aber will ich mit ihm neue Spielsituationen üben, in denen er eben schneller den Pass spielen soll. Das nützt ihm im Endeffekt auch, weil er so Energie spart und damit noch länger auf hohem Niveau weiterspielen kann. Er ist 35, die Umstellung ist für ihn nicht einfach. Aber er ist offen für Neues. Und das ist doch «geil». Das ist eben Entwicklung!

Mit Josef Marha, 35, und Sandro Rizzi, 33, sind auch Ihre Center Nummer 2 und 3 nicht mehr die Jüngsten. Auch diese zwei haben auslaufende Verträge.

Ja, aber beide werden bleiben. Zu Marha möchte ich festhalten: Er ist ein klassischer Sieger, ein Vorbild, ein Teamplayer, der sein Ego in den Hintergrund stellen kann, mental sehr stark und sehr kritikfähig ist. Wenn es drauf ankommt, steht er immer seinen Mann. Und er hat auch mit 35 noch ein Lächeln auf dem Gesicht, wenn ich Neues ausprobieren will – ein Vorbild eben. Es ist doch komisch: Marha war noch nie im All-Star-Team und stand noch nie in der Auswahl zum MVP, dem wertvollsten Spieler der Nationalliga A – obwohl er fünffacher Meisterspieler und dabei Leistungsträger ist. Das zeigt, dass wir in der Schweiz in gewissen Belangen keine Eishockeykultur haben. Ich sage über einen so verdienstvollen Spieler: ohne Marha nur über meine Leiche.

Sie sagten, zur Entwicklung gehöre, dass man Spieler nicht immer ziehen lasse. Am Ende ist es aber doch auch eine Geldfrage. Irgendwann passt ein Spieler halt nicht mehr ins Budget.

Natürlich. Und nächste Saison wird wegen des neuen TV-Vertrags zusätzlich Geld fehlen. Der Verwaltungsrat und ich werden das besprechen, einen Konsens finden und zu einer Entscheidung kommen, die von allen akzeptiert wird. Wichtig ist, dass man immer für die Entwicklung kämpft. Denn sonst gibts irgendwann den HCD nicht mehr. Und es wäre doch schade, wenn der Kultklub HC Davos nicht mehr existieren würde.